Klimakrise, Eskapismus und Verschwörung – Cryptos

Ich wünsche euch einen fantastischen Tag! Heute soll es um „Cryptos“, den aktuellen Science-Fiction-Jugendthriller von Ursula Poznansky gehen. Erschienen 2020 im Löwe Verlag, in meiner gebundenen Ausgabe 444 Seiten lang. Eine Freude! Warum will ich gleich näher ausführen.

Servicehinweis: Für die Begründung eines Kritikpunktes an diesem Roman muss ich das Ende verraten. Der Spoilerteil befindet sich wie immer auf der separaten zweiten Seite. Solltet ihr also noch vorhaben „Cryptos“ zu lesen und möchtet das Ende nicht wissen, könnt ihr diese Rezension gefahrlos zu Ende lesen und lasst einfach den Spoilerteil auf Seite 2 weg.

Leben in virtuellen Welten.

In einer nicht näher definierten Zukunft sind weite Teile der Erde durch die Klimakatastrophe unbewohnbar geworden. Die Menschen fristen ihr Dasein in winzigen Wohneinheiten und leben ihr eigentliches Leben in virtuellen Realitäten. In diesen fiktiven Leben können sie alles sein. Ein Bauer im beschaulichen Kerrybrook, ein Bürger im viktorianischen London, ein Abenteurer in der Fantasy-Welt Macandor. Die Welt wird von Konzernen wie Mastermind kontrolliert, die diese Wohneinheiten und die virtuellen Welten betreiben. Jana ist eine Weltendesignerin bei Mastermind und zuständig für Macandor und Kerrybrook. Letzteres ist ein idyllisches von Irland inspiriertes Fischerdorf. Eines Tages passiert in Kerrybrook jedoch ein Mord und es gibt Hinweise, dass das Mordopfer nicht nur in der virtuellen, sondern auch der realen Welt ums Leben gekommen ist. Aber nicht nur das. Die Ausfälle, also Nutzer, die nach dem Ausloggen nicht mehr in einer der Welten auftauchen scheinen immer mehr zu werden. Auf der Suche nach Hinweisen stößt Jana auf immer mehr Unregelmäßigkeiten und kommt einer großen Verschwörung auf die Spur.

Eskapismus als Lebenskonzept.

Die virtuellen Welten in „Cryptos“ erinnern mich ein wenig an „Otherland“ in der gleichnamigen Reihe von Tad Williams, sie nehmen aber in Cryptos eine noch dominantere Rolle in der Gesellschaft ein. Ursula Poznanski zeichnet hier das Bild einer Gesellschaft, die Eskapismus zu ihrem übergeordneten Lebensinhalt gemacht hat. Die Welt ist durch die Klimakrise zu weiten Teilen unbewohnbar. Für die Menschen ist zu wenig Platz auf diesem Planeten. Gleichzeitig sind es so viele, dass es für die Mehrheit keine Arbeit mehr in der realen Welt gibt. Deshalb leben die Menschen in winzigen Wohneinheiten, die von Mastermind betrieben werden und verbringen den Großteil ihres Tages in Kapseln, die sie mit der virtuellen Welt verbinden und sie über Schläuche ernähren. Sie verbringen ihr ganzes Leben in der virtuellen Welt und empfinden die Zeit außerhalb als Last. Das gesamte Lebenskonzept der Mehrheit dieser Gesellschaft ist also die Flucht vor der Realität.

Virtueller Sinn des Lebens.

Ich empfand es als sehr angenehm, dass die Autorin in „Cryptos“ nicht direkt wertet, ob das Grundprinzip dieser Gesellschaft nun gut oder schlecht ist. Es ist einfach so und dass es unter diesen Umständen so ist, erscheint durchaus logisch. Die Menschen leben auf einer Erde, die durch das eigene Verschulden nicht mehr lebenswert ist. Die Technologie erlaubt ihnen jedoch ein virtuelles Leben, dass sich absolut real anfühlt. In dem sie sein und tun können, was sie wollen. Sie können als Bürger des viktorianischen Londons einen Laden eröffnen und heiraten oder als Abenteurer in der Kreidezeit Dinosaurier beobachten. Wenn was schief gehen sollte und sie sterben, laden sie einfach neu, denn der reale Körper liegt ja sicher in der Kapsel. Dass die Mehrheit der Menschen dieses Leben dem realen vorzieht ist nachvollziehbar. Die echte Welt bietet ihnen nichts mehr. Dort haben sie keine Aufgabe, keinen Sinn und keinen Platz. In den Welten von Mastermind wird ihnen dies gegeben.

Schattenseiten im Paradies.

Nur weil die Gesellschaft nicht als ganzes problematisiert wird, heißt das ja nicht, dass es keine Probleme in dieser Gesellschaft gibt. So werden im Verlauf der Handlung von „Cryptos“ mehrere Probleme offenbar. Zunächst die offensichtliche Abhängigkeit der Menschen von Mastermind, dem Betreiber der Welten und damit ihrer Leben. Eine größere Abhängigkeit von einem Konzern ist kaum vorstellbar. Außerdem verlieren die Menschen aber auch das Interesse an der realen Welt. Die Probleme der realen Welt sind nicht verschwunden, sondern werden von der Gewinnorientiertheit dieser Konzerne sogar noch verschlimmert. Die Menschen interessieren sich aber nicht mehr dafür, was in der realen Welt passiert, weil sich ihr Leben in den virtuellen Welten abspielt. Hier ist ihr Mittelpunkt. Dieses Desinteresse ist ein zentraler Aspekt der Handlung, weil es die Verschwörung hinter den Kulissen von Mastermind erst möglich macht.

Empfehlung

„Cryptos“ ist ein spannender Science-Fiction-Jugendthriller mit einer spannenden Darstellung der Gesellschaft in einer dystopischen Zukunft. Dabei erfindet Ursula Poznanski die Motive, die sie verwendet nicht neu, setzt sie aber zu einem gelungenen Gesamtbild zusammen, dass Aspekte beleuchtet, die, insbesondere im Bereich Jugendliteratur, eher selten sind. Die Charaktere sind tief genug um mit ihnen mitzufiebern, bleiben aber bis auf Jana eher blass. Die Auflösung des Mysteriums kann leider nicht ganz mit dem Rest des Romans mithalten (dazu mehr im Spoilerteil auf Seite 2), führt aber dennoch zu einem zufriedenstellenden Ende. Ich habe schon einige Romane von Ursula Poznanski gelesen und bisher konnte mich keiner so effektiv an die Seiten fesseln. Die Geschichte wird kurzweilig erzählt, hat keine Längen und ich wollte immer wissen, wie es weiter geht. Zudem ist der Roman thematisch hoch aktuell, behandelt er neben der Klimakatastrophe auch anderen Themen unserer unmittelbaren Zukunft, wie den Mangel an Arbeitsplätzen durch immer bessere Automatisierung und die Macht großer Konzerne. Eine unbedingte Empfehlung!


Rezensionen zu weiteren Romanen von Ursula Poznanski findet ihr hier.


Cryptos

Titel: Cryptos

Autor*in: Ursula Poznanski

Verlag: Löwe Jugendbücher

Erscheinungsjahr: 2020

ISBN: 978-3743200500

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