Literatur kann jeden begeistern! – Die souveräne Leserin

„Die souveräne Leserin“ ist eine Novelle des britischen Autors Alan Bennett, die 2007 unter dem englischen Originaltitel „The Uncommon Reader“ in Großbritannien und 2008 im Wagenbach Verlag in deutscher Übersetzung erschien. Trotz der Kürze von nur 115 Seiten gibt es einiges zu dieser Novelle zu sagen und das möchte ich in diesem Beitrag tun.

Aus Höflichkeit wird Begeisterung.

Die Protagonistin ist die Queen. Diese wird zwar nie namentlich genannt, es bleibt jedoch kein Zweifel, dass es sich um Elisabeth II. handelt. Bei einem Spaziergang mit ihren Hunden, nehmen diese Reißaus und bellen lautstark den Bücherbus der Bezirksbibliothek an, der wöchentlich in einem der Höfe des Buckingham Palace parkt. Selbstverständlich bittet die Queen den Bibliothekar um Entschuldigung und leiht, mehr aus Höflichkeit als aus Interesse, ein Buch von Ivy Compton-Burnett aus. Obwohl ihr dieses erste Buch nicht gefällt, leiht die Queen eine Woche später ein weiteres Buch, diesmal Nancy Mitfords „Englische Liebschaften“, und entdeckt so ihre Liebe zu schöngeistiger Literatur. Sie beginnt nun jede Woche ein neues Buch auszuleihen und arbeitet sich, beraten vom Küchenjungen Norman, durch die Klassiker englischer Literatur. Der Autor nimmt uns mit auf eine Unterhaltsame Reise, geprägt vomm Widerstand und Unverständnis des Umfeldes, das von der Queen mit ihrer neu entdecken Liebe zur schöngeistigen Literatur konfrontiert wird.

Funktion statt Persönlichkeit.

Die Geschichte von „Die souveräne Leserin“ ist dabei reine Fiktion, ist aber nahe genug an der Realität, dass beim Lesen stehts das Gefühl bleibt, dass es so passieren könne. Die handelnden Figuren bleiben jedoch blass und erhalten keine Persönlichkeit, die über ihre Funktion in der Handlung hinausgeht. Viele Figuren werden erst gar nicht namentlich benannt, sondern bleiben “Der Premierminister” oder “Der französische Präsident”. Das ist natürlich zum einen der Kürze der Geschichte geschuldet, zum anderen, zeigt es auch, dass die Geschichte sich weniger um die Persönlichkeit der Charaktere dreht, sondern um deren Funktion und Position und was der Leser damit verbindet. Sie stehen stellvertretend für ein Milieu und reagieren auch stellvertretend dafür auf die neu entdeckte Leidenschaft der Queen.

Ein Meister der feinen Klinge.

Alan Bennett gelingt es in „Die souveräne Leserin“ sowohl seiner offensichtlichen Zuneigung zur Queen als Person, als auch seiner Kritik an der Monarchie als Institution Ausdruck zu verleihen. Er arbeitet heraus wie sehr die Person Elisabeth II. hinter der Rolle der Königin, die keine Interessen und keine Hobbys haben soll, um weder den Eindruck einer Vorliebe noch eines Elitarismus entstehen zu lassen, verschwindet. Gleichzeitig wird auch die Distanz zwischen der Königin und ihrem Volk dargestellt, das jenseits von Smalltalk nicht weiß, worüber es mit ihr sprechen soll. Die Homosexualität Normans, womit das britische Königshaus, bei einem Berater der Queen, nach wie vor seine Probleme haben dürfte, wird genauso selbstverständlich eingeflochten wie die Kritik am Bildungsbürgertum, das mit den Autoren schöngeistiger Literatur, jenseits von verblassenden Erinnerungen an die Schulzeit, nur sehr wenig anfangen kann. Als wahrer Meister der feinen Klinge erweist sich Bennett dann, wenn er gleichzeitig erlaubt dies auch als Kritik am Elitarismus eines Feuilleton zu lesen, der wie aus einem Elfenbeinturm auf die Leser gewöhnlicher (Anspielung im Originaltitel) Unterhaltungsliteratur herabblickt, während selbst der Prime Minister keine Ahnung von schöngeistiger Literatur hat.

Empfehlung

„Die souveräne Leserin“ ist 115 Seiten humorvolle Unterhaltung auf denen uns Alan Bennet auf eine spannende Was-wäre-wenn-Reise mitnimmt und dabei mit einem humorigen Augenzwinkern die Begeisterung beschreibt, die Literatur in uns auszulösen vermag. Durch die Worte und Gedanken der Queen verleiht er so seiner eigenen Liebe zur Literatur Ausdruck und übt gleichzeitig Kritik an der Monarchie, dem Bildungsbürgertum und dem Elitarismus in der Literatur. Ich wurde von dem kleinen Büchlein, das übrigens vom Wagenbach Verlag in einem wunderschönen Hardcover mit Stoffeinband verlegt wird, blendend unterhalten und vom durchaus konsequenten Ende überrascht.


Die souveräne Leserin - Cover

Titel: Die souveräne Leserin

Autor*in: Alan Bennett

Verlag: Wagenbach SALTO

Erscheinungsjahr: 2008

ISBN: 978-3803112545

Related Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.