Was hat das mit Platon zu tun? – Red Rising

„Red Rising“ ist ein Science-Fiction-Roman und erster Band einer Trilogie des amerikanischen Autors Pierce Brown. Auf deutsch erschienen 2014 bei Heyne, in meiner Taschenbuchausgabe 558 Seiten lang, ein Bestseller. Entsprechend viel wurde über diesen Roman schon gesagt, aber das hält mich natürlich nicht davon ab auch meinen Senf dazu zu geben.

Die Roten vom Mars.

Die Hauptfigur des Romans ist Darrow. Darrow ist ein Roter. Die Roten sind die niedrigste der farbkodierten Kasten dieser Welt. Die Farbe bestimmt wer du bist. Gehörst du zu den Blauen, wirst du Raumschiffe fliegen, gehörst du zu den Violetten, wirst du Künstler werden. Gehörst du zu den Silbernen, wirst du mit Aktien jonglieren, gehörst du zu den Pinken wirst du die Lust der hohen Farben befriedigen. Gehörst du zu den Goldenen, wirst du die Welt regieren, gehörst du zu den Roten, wirst du für all die anderen schuften. Darrow ist sechzehn Jahre alt und arbeitet als Höllentaucher in den Mienen vom Mars um den Mars für Menschen bewohnbar zu machen. Er hat sich mit der harten Arbeit, den rationierten Lebensmitteln und der ständigen Überwachung durch die Grauen, die Polizeikräfte, abgefunden. Seine Frau Eo sieht alles etwas kritischer und wird dafür von den Goldenen hingerichtet. Nach und nach kommt dadurch auch Darrow hinter das große Geheimnis. Der Mars und viele andere Planeten des Sonnensystems, sind längst bewohnbar und die höheren Farben leben dort im Luxus. Darrow schließt sich dem Widerstand an und wird von deren Graveuren in mehreren Operationen und langwierigen Prozeduren zu seinem Goldenen gemacht. Sein Auftrag: Er soll sich in das Institut des Mars einschleusen, ein Ausbildungslager der Goldenen Eliten, um selbst in deren Rängen aufzusteigen und das System von innen heraus zu zerstören. Womit Darrow jedoch nicht rechnen konnte: Er findet auch Freunde unter seinen Feinden.

Ein bisschen „Hunger Games“.

Das Institut erinnert ein wenig an „Hunger Games“ von Suzanne Collins. Hier werden die Anwärter auf mehrere Häuser, benannt nach römischen Göttern, aufgeteilt und aufeinandergehetzt. Am Ende wird ein Haus übrig sein und die anderen getötet oder versklavt haben. Aus diesen Siegern wählen die großen Familien der Goldenen ihre Rekruten aus. Wer besonders gut abschneidet, wird auch von einer besonders mächtigen Familie gewählt werden. Ein besonders gelungener Kniff des Autors ist, dass die Anwärter dabei kaum moderne Technologien zur Verfügung haben. Das lässt diesen Kampf in dieser hoch-technologisierten Zukunftswelt noch martialischer und grausamer wirken. Selbst darüber hinaus drängt sich der Vergleich förmlich auf, denn auch in „Red Rising“ entdeckt ein jugendlicher Mensch die Ungerechtigkeit und Grausamkeit des Systems, in dem er lebt und lehnt sich dagegen auf. Pierce Brown geht aber darüber hinaus, denn in seinem Roman steckt so viel mehr. Seine Welt ist noch detaillierter und durchdachter.

Hesiod und Platon.

Das Weltbild und die Gesellschaft der goldenen basiert sehr stark auf römischer Mythologie und auch beim System der Farben hat sich Pierce Brown stark davon inspirieren lassen. Hesiod berichtet als erster über das „goldene Geschlecht“, einer Menschengattung aus ferner Vergangenheit, das frei von Sorgen unter den Göttern lebte. Als es ausstarb folgte laut Hesiod das geringere „silberne Geschlecht“ das dem goldenen geistig und körperlich unterlegen war. Darauf folgte dann das „eiserne Geschlecht“ dessen Charakter und Lebensverhältnisse noch schlechter ist. Platon übernimmt später diese Idee und bezieht sie auf Personentypen mit unterschiedlicher Veranlagung und Bildungsfähigkeit. Er teilt die Gesellschaft entsprechend der Metalle in Herrscher, Wächter und Erwerbstätige ein, wobei die einzelnen Schichten sich von einander scharf abgrenzen und nicht vermischen sollten. Pierce Brown denkt diese Idee weiter und transportiert sie in eine Zukunft, in der Menschen im Stande sind die unterschiede zwischen den Farben durch genetische Modifikation zu erzeugen. Er schafft so eine Gesellschaft, die wirklich glaubhaft machen kann, aus der unseren entstanden zu sein.

Ein Wald voller Farben.

Kommen wir zur eklatantesten Schwäche des sonst sehr gelungenen Romans: den Charakteren. Eine so umfangreiche Welt mit einer so komplexen Gesellschaft erfordert sehr viele handelnde Figuren und von denen gibt es tatsächlich einen ganzen Wald voll. Das hat leider zur Folge, dass selbst auf über 500 Seiten nicht die Zeit bleibt diese Charaktere wirklich vielschichtig werden zu lassen. Darrow selbst ist der einzige Charakter der deutliche Charaktertiefe erlangen darf, weil der Roman, aus der Ich-Perspektive erzählt und uns meist an Darrows Gefühlswelt teilhaben lässt. Wobei Pierce Brown hier manchmal trickst und die Leser*innen täuscht. So überspringt er gelegentlich Gedanken, um uns genauso mit Darrows Plänen zu überraschen, wie dessen Feinde. Die anderen Figuren funktionieren und entwickeln ausreichend Charakter, um der Handlung zu dienen, mehr leider auch nicht. An Darrow könnte man außerdem kritisieren, dass er zu perfekt ist. Das stimmt im Grunde auch, denn er kann alles, ist stärker als alle, überlistet alle, etc. In diesem Fall stört mich das aber nicht, denn Darrow wurde zu einem Goldenen gemacht. Er wurde genetisch und physiologisch so modifiziert um mit der Elite, den Besten der Besten, mithalten zu können und sie im Idealfall sogar zu übertreffen. Er soll also möglichst perfekt sein. Der Nachteil ist, dass es mir schwer fällt mich so mit ihm zu identifizieren.

Empfehlung

„Red Rising“ ist ein actiongeladener abwechslungsreicher Roman, dessen Erzähltempo kaum zu überbieten ist. Ständig unvorhersehbar, mit einer spannenden und interessant grausamen Welt, die stehts glaubwürdig ist. Ein Protagonist, der etwas unnahbar und zu perfekt geraten ist, aber genau das sein soll. Darrow bei seiner Rebellion zu begleiten macht Spaß und immer wieder manövriert ihn Pierce Brown in scheinbar ausweglose Situationen deren Lösung mich regelmäßig überrascht hat, jedoch nie unlogisch erschien. Mit nur 26 Jahren hat Pierce Brown hier einen fantastischen Auftakt zu einer Space-Opera abgeliefert, der mich mit viel Lust auf mehr zurücklässt. Ich kann „Red Rising“ jedem der gerne Space-Opera liest wärmstens empfehlen.


Red Rising

Titel: Red Rising

Autor*in: Pierce Brown

Verlag: Heyne

Erscheindungsjahr: 2014

ISBN: 978-0525618317

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