Talus Cover

Wie ein guter Roman über sein Ende stolpert und eine Klippe hinunterfällt – Talus

Ich wünsche euch einen fantastischen Tag! Heute erzähle ich euch von „Talus“, einem Urban-Fantasy Roman von Liza Grimm. Erschienen 2020 bei Knaur, in meiner Printfassung 346 Seiten lang. Nichts was man unbedingt gelesen haben müsste, aber mit Potenzial. Warum das so ist, will ich gleich näher ausführen.

Ein magisches Artefakt.

Die Geschichte von „Talus“ dreht sich um ein gleichnamiges mythisches Artefakt. Ein Würfel, geschaffen von einer mächtigen Hexe, der Herzenswünsche erfüllt. Erin ist einer Studentin, die einst an Magie glaubte, mittlerweile aber eher skeptisch ist. Statt zu studieren, geht sie lieber ihrem Job nach, Touristen durch die Vaults von Edinburgh zu führen und selbigen dabei Geistergeschichten zu erzählen. Bis sie dort eines Tages auf einen echten Geist trifft. Schritt für Schritt taucht sie dabei in die magische Unterwelt Edinburghs ein und nimmt die Leserinnen und Leser dabei mit. Durch ihren Kollegen Leo, der selbst ein Hexer ist, lernt sie Lu kennen, die versucht Talus zu finden. Währenddessen untersucht der Schattenleser Noah, sich häufende seltsame Ereignisse in der Unterwelt, die ebenfalls mit Talus und seiner Schöpferin zusammenzuhängen scheinen.

Magisches Worldbuilding.

Ein Plot muss nicht immer neu und originell sein und die Suche nach einem magischen Artefakt, wie sie „Talus“ erzählt, ist das auch nicht. Andere Aspekte der Welt, die Liza Grimm in ihrem Roman entwirft, sind ebenso wenig innovativ. Sie sind aber neu arrangiert und die Welt, wie sie im Klappentext angerissen wird, klang für mich auf den ersten Blick interessant und das reicht um eine gute Geschichte zu erzählen. Ich wurde nicht enttäuscht. Die Autorin hat eine spannende Welt entworfen mit einem spannenden Magiesystem bei dem jede Hexe und jeder Hexer nur einen bestimmten Teil des Vortex, der Energie aus der Magie entsteht, kontrollieren kann. Manche können so bestimmte Elemente wie Wasser oder Feuer kontrollieren, andere sind Tarotleger oder Gebräuhexen. Die gesamte Unterwelt wirkt wohl überlegt und detailliert.

Exposition und noch mehr Exposition.

Dieses ausdefinierte Worldbuilding ist aber gleichzeitig das große Problem des Romans, denn für mein Empfinden, ist er viel zu kurz. Nicht etwa, weil ich so gut unterhalten war, sondern weil der Roman ein Fass nach dem anderen aufmacht und sich anfühlt, als wäre er die Exposition zu einer fünfhundert oder sechshundert Seiten langen Geschichte. Gemächlich führt der Roman seine Leserinnen und Leser in seine magische Welt ein, baut Mysterien und Figuren mit interessanten eigenen Geschichten und Konflikten auf. Ständig lernen wir neues über die Welt, dass die Autorin scheinbar braucht, um ihre Geschichte zu erzählen und dann erzählt sie diese Geschichte nicht. Auf den letzten Seiten nimmt die Handlung dann Fahrt auf und wirkt so gehetzt als müsse nun alles noch auf zwanzig Seiten untergebracht werden, bevor die Geschichte abrupt mit einem Cliffhanger endet.

Über Cliffhanger.

Damit wir uns richtig verstehen: Mein Problem ist nicht, dass der Roman mit einem Cliffhanger endet. Insbesondere für einen ersten Band ist das völlig in Ordnung. Das Problem, das ich mit „Talus“ habe, ist dass er sich anfühlt, als würde er nach der Exposition enden. Es wird eine spannende Welt vorgestellt und interessante Charaktere aufgebaut und an der Stelle, wo der Payoff dafür eingefahren werden müsste, fällt der Wagen die Klippe runter. Das Problem ist dabei wie gesagt nicht der Cliffhanger per se, sondern dass dem Höhepunkt dieses ersten Bandes davor so wenig Raum gegeben wurde.

Potenzial für die Fortsetzung.

„Talus“ macht aber auch sehr viele Dinge gut. Das Worldbuilding ist wie gesagt fantastisch aber auch die Charaktere sind durchwegs interessant. Hauptfigur Erin steht zu Beginn ebenso außerhalb der magischen Welt, wie wir Leserinnen und Leser und dient so als Vehikel, um uns an diese Welt heranzuführen. Dadurch fällt es besonders leicht sich mit ihr zu identifizieren. Die weiteren Hauptfiguren Noah, Leo und Lu sind Hexen und Hexer mit ihren eigenen Motiven und Konflikten, die ich durchwegs interessant fand. Dabei stattet Liza Grimm ihre Hauptfiguren nicht zwanghaft mit einer Flut an sympathischen Charakterzügen aus, sondern erlaubt ihnen auch selbstsüchtig und unvernünftig zu sein. Das fand ich sehr erfrischend, denn ich muss Figuren nicht sympathisch finden, um mich für ihre Geschichte zu interessieren. Der Schreibstil der Autorin ist zugänglich und leicht zu lesen, ohne simpel zu sein. Die Welt von „Talus“ strotzt vor Hintergrundgeschichten, die immer wieder angerissen werden und die mich über den Großteil der knapp 350 Seiten bei der Stange gehalten haben. Da steckt so viel drin und ich hatte Spaß diese Welt kennen zu lernen. Man erkennt an jeder Ecke das Potenzial, das in dieser Welt und den Charakteren steckt, die Liza Grimm in „Talus“ entworfen hat. Potenzial, das sie in der Fortsetzung hoffentlich nutzen wird, denn dann könnte uns ein großartiger Roman erwarten.

Empfehlung.

Eigentlich würde ich „Talus“ gerne jedem empfehlen, weil da so viele gute Ideen und spannende Ansätze drinstecken. Ich hatte Spaß beim Lesen und finde das Worldbuilding sowie die Charaktere in diesem Roman sehr gut. Das viel zu überhastete Ende hinterlässt jedoch einen faden Nachgeschmack. Hier wäre so viel mehr drin gewesen und wer mehr erwartet als die bloße Einführung in eine magische Welt, könnte am Ende enttäuscht sein. Zusammengefasst würde ich sagen, man kann „Talus“ lesen, muss es aber nicht. Nach erscheinen der Fortsetzung könnte sich ein zweiter Blick aber lohnen.


Talus Cover

Titel: Talus

Autor*in: Liza Grimm

Verlag: Knaur

Erscheinungsjahr: 2020

ISBN: 978-3426526286

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