Zerrissene Erde Cover

Viel mehr als nur “Irgendwas mit Erdbeben” – Zerrissene Erde

Ich wünsche euch einen fantastischen Tag! Heute geht es um „Zerrissene Erde“ einen, unter anderem mit dem Hugo-Award ausgezeichneten, Endzeit-Fantasy Roman von N. K. Jemisin. Der erste Band einer Trilogie, erschienen 2018 bei Knaur, in meiner Printfassung inkl. Nachwort und Glossar 494 Seiten lang, ein Fest für alle Phantastik-Fans.

Das Ende der Welt.

„Zerrissene Erde“ oder „The Fifth Season“, wie der Roman im Original heißt, spielt auf einem Superkontinent, der „die Stille“ genannt wird und auf einem Planeten liegt, der vielleicht oder vielleicht auch nicht eine zukünftige Version unserer bekannten Erde ist. Der Kontinent ist seismisch sehr aktiv. So aktiv, dass es in unregelmäßigen Abständen von mehreren Jahrzehnten oder Jahrhunderten zu sogenannten Fünftzeiten kommt. Eine Periode in der, ausgelöst durch ein seismisches Ereignis die Welt untergeht, weil sich zum Beispiel über Jahre oder Jahrzehnte der Himmel verdunkelt. Fünftzeiten sind Zeiten großen Leids und großer Umbrüche. Zivilisationen sterben und entstehen neu. Die Menschheit hat gelernt mit den Fünftzeiten zu leben, indem sie sich an eine Reihe von Regeln, die Steinlehre, hölt, die beispielsweise empfiehlt immer einen Laufsack, eine Art Überlebensrucksack, bereitzuhaben, falls es zu einer Fünftzeit kommt.

Wenn die Welt gleich zweimal untergeht.

Gleich zu Beginn des Romans geht die Welt unter. Zweimal. Zunächst erfahren wir von einem Mann, der nahe der Stadt Yumenes mit der Kraft seiner Gedanken einen gewaltigen Riss in der Erdoberfläche verursacht, der nicht nur Yumenes zerstört, sondern eine Fünftzeit verursacht, die so gewaltig ist und so lange dauern wird, dass sie gut und gerne die letzte Fünftzeit sein könnte und die Welt diesmal wirklich untergeht. Gleichzeitig geht für Essun, eine der Hauptfiguren des Romans, im weit entfernten Tirimo, die Welt noch nachhaltiger unter. Ihr eigener Ehemann hat ihren dreijährigen Sohn erschlagen und hat bei seiner Flucht ihre Tochter mitgenommen. In ihrer Trauer bemerkt sie zunächst gar nicht, wie sie das schwere, vom Riss ausgelöste Erdbeben, vollständig umleitet und so ihre wahre Natur verrät. Essun ist eine Orogene, oder Rogga wie andere Menschen sie hasserfüllt nennen. Orogene sind Menschen mit der besonderen Begabung seismische Aktivitäten zu fühlen und zu beeinflussen. Orogene sind also in der Lage die Erde zu beruhigen, oder mit ihrer Hilfe zu töten. Von anderen Menschen werden sie gefürchtet und gehasst. Genug gehasst, dass ein Vater seinen eigenen Sohn tötet. Inmitten dieser Fünftzeit macht sich Essun nun auf ihre Tochter zu finden.

Vor dem Ende der Welt.

„Zerrissene Erde“ erzählt nicht nur die Geschichte von Essun, sondern zwei weitere Perspektiven, die offensichtlich vor Entstehen des Risses stattfinden. Die von Syenit und Damaya. Syenit ist eine Orogene des Fulcrum, einer Einrichtung in Yumenes, die Orogene ausbildet, aber auch kontrolliert. Orogene des Fulcrum führen Aufträge aus, um seismische Probleme zu lösen. Orogene in und außerhalb des Fulcrum, die sich nicht kontrollieren lassen, werden von den Wächtern gejagt und getötet. Syenit ist eine vierberingte Orogene. Sie wird gemeinsam mit dem einzigen zehnberingten Orogenen, Alabaster auf einen Auftrag geschickt. Damaya hingegen ist ein Kiesling im Fulcrum. So werden Orogene genannt, bevor sie ihren ersten Ring erhalten, die eines Tages eine seltsame Entdeckung in den Bereichen des Fulcrum macht, die eigentlich nur die Wächter betreten dürfen.
Jede dieser Perspektiven erzählt uns nicht nur von sehr spannenden Hauptfiguren, sondern trägt auch maßgeblich zum Gesamtbild bei, das wir von dieser Welt erhalten.

Du bist Essun.

In „Zerrissene Erde“ bricht N. K. Jemisin nicht nur mit einer Genre-Konvention, sondern nimmt sich gleich alle zur Brust. Das macht den Roman erfrischend anders, aber gerade zu Beginn auch schwer verdaulich. Ich will zunächst auf die beiden großen Hürden eingehen. Der Elefant im Raum, für jeden der zumindest einmal in die Leseprobe geschaut hat, ist die Erzählperspektive. Während die Geschichten von Damaya und Syenit aus einer personalen Er-Erzählperspektive geschildert werden, erzählt uns das Buch die Geschichte von Essun in der zweiten Person. So, als würde uns ein personaler Erzähler, der also auch unsere Innenperspektive kennt, unsere eigene Geschichte erzählen, während wir in die Rolle von Essun schlüpfen. Ich fand diese Erzählform erfrischend und spannend, einige Leser*innen werden aber zumindest etwas Eingewöhnungszeit brauchen. Hinzu kommt, dass die Welt zu Beginn sehr verwirrend sein kann, weil die Autorin komplett auf jegliche Stilmittel verzichtet, die uns Leser*innen Dinge in der Welt erklären sollen, die die handelnden Figuren schon längst wissen. Begriffe und Konzepte dieser Welt, die für die Charaktere selbstverständlich sind, werden also auch nicht explizit erklärt, sondern müssen aus dem Kontext erschlossen werden. Ich fand sehr angenehm, dass mit alles „gezeigt“ und nicht „erzählt“ wird und N. K. Jemisin macht das sehr geschickt, indem sie auf bekannte Strukturen aufbaut. So sind Maßeinheiten wie Meter, Stunde oder Kilogramm auch in der Stille gebräuchlich. Was aber Orogenie genau ist, wird erst nach und nach klar, indem wir Orogene in ihrem Handeln beobachten. Für manche Leser*innen mag das allerding eine Einstiegshürde darstellen, weil die Welt zu Anfang sehr verwirrend anmutet.

Hasserfüllte Welt.

„Zerrissene Erde“ ist viel mehr als nur eine gute Erzählung. Der Roman ist durchsetzt mit Parallelen zu afroamerikanischer Geschichte und Literatur. Das beginnt beim Wort „Rogga“ das einen beim Lesen unwillkürlich zusammenzucken lässt. Eine Beleidigung, die Orogene abwertet, in der Öffentlichkeit nicht verwendet werden sollte und den drei Protagonistinnen dennoch ständig begegnet. Ein Wort, das die Autorin gleich zu Beginn der Geschichte mit Hass verknüpft. Ein Hass, der so groß ist, dass ein liebender Vater seinen eigenen dreijährigen Sohn zu Tode prügelt, als er herausfindet, dass dieser Orogenie beherrscht. Hass, der zu einem großen Teil aus Furcht entsteht. Essun, Damaya und Syenit teilen sich eine Lebensrealität als Orogene. Eine Lebensrealität, die geprägt ist von Missbrauch und Kontrolle. Sie werden nie frei sein egal, ob sie dem Fulcrum dienen, oder ihre wahre Natur vor ihren Mitmenschen verbergen müssen. Dabei geht die Autorin nie voyeuristisch mit der Gewalt und Ungerechtigkeit um, sondern zeigt sie schonungslos wo es sein muss, um sie deutlich zu machen, aber nicht mehr als notwendig, denn die drei Frauen sind mehr als nur ihr Leid und die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfährt. Sie sind alle drei starke Frauen, und zwar ohne sie einfach nur mit männlich konnotierten Charakterzügen auszustatten.

Empfehlung.

Mit „Zerrissene Erde“ hat N. K. Jemisin einen außergewöhnlichen Auftakt zu einer hoffentlich ebenso außergewöhnlichen Trilogie geschrieben. Die afroamerikanische mehrfache Hugo-Preisträgerin erzählt eine Geschichte von kulturellen Traumata, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten in einem Endzeit-Fantasy-Szenario, ohne in die Pathos- und Klischeekiste zu greifen, sondern beschreibt die psychischen Auswirkungen dieser Erfahrungen auf ihre Protagonistinnen. Sie zeigt in diesem Roman, dass sie eine wahrlich außergewöhnliche Autorin ist, die packende Geschichten erzählen kann, stilistisch ihresgleichen sucht und inhaltlich überzeugt. Bis auf kleinere Eingangshürden ist der Roman packend erzählt und hat mich schnell in seinen Bann gezogen, sodass ich ihn nicht mehr weglegen konnte. Eine kleine Kritik möchte ich aber an der Gestaltung des deutschen Buchcovers anbringen. Erneut hat man sich anscheinend gescheut BPoC-Protagonistinnen auf dem Buchcover darzustellen. Immerhin, es sind nicht weiße Personen am Cover, wie bei Jemisins Inheritance-Trilogie. Stattdessen hat man ein sehr nichtssagendes Cover gewählt, das in der Masse untergeht und sich erst recht keinen Gefallen getan. Nichtsdestotrotz haben wir es hier mit einem außergewöhnlichen Roman zu tun, den ich jedem wärmstens empfehlen werde, der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ich freue mich auf die Fortsetzung!

Titel: Zerrissene Erde

Autor*in: N. K. Jemisin

Verlag: Knaur Taschenbuch

Erscheinungsjahr: 2018

ISBN: 978-3426521786

Related Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.